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28. Juni 202128.06.21
Der Acker als Versuchslabor
Bundesverband der Maschinenringe e.V

Drei Landwirte aus dem Maschinenring Lübeck Eutin haben sich zusammengeschlossen und ihr Anbaukonzept komplett neu aufgestellt. Das bisher Erreichte zeigt, wie ein nachhaltiger Ackerbau in Zukunft aussehen könnte.

Manchmal ist man erst dann bereit für eine Veränderung, wenn es nicht mehr anders geht. So war es beim BCE Agrarteam in Cashagen bei Lübeck, einem Zusammenschluss der Betriebe von Jens Hammerich, Gustav Lange-Schwartz und Bernd Boekhoff (siehe Kasten). Sie bewirtschaften heute gemeinsam etwa 1.300 Hektar Fläche. Dazu kommen 10.000 Mastschweine und 400 Sauen.

Herbizid: Wirkungslos

„Vor sechs Jahren haben wir erkannt, dass wir mit unserer Art zu wirtschaften in einer Sackgasse angekommen waren“, sagt Bernd Boekhoff. Mit Sackgasse meint er vor allem den massiven Ackerfuchsschwanzbesatz auf vielen Flächen, der keinen Anbau von Wintergetreide mehr zuließ. „Die Blatt-Herbizide zeigten nicht mal mehr ansatzweise eine Wirkung“, berichtet Boekhoff. „So waren wir gezwungen, etwas anders zu machen.“

Aus heutiger Sicht wirkt dieses „etwas anders machen“ wie eine maßlose Untertreibung. Denn um das Problemunkraut einzudämmen, wurde das Ackerbaukonzept komplett umgekrempelt, angelehnt an die Methoden der sogenannten Regenerativen Landwirtschaft. Dabei sehen sich die Betriebsleiter in einer Vorreiterrolle. Sie testen und optimieren immer wieder neue Ansätze und sind mit ihren Erfahrungen bei Fachleuten aus der Agrarforschung genauso gefragt wie bei Umweltverbänden und beim Lebensmitteleinzelhandel, der mit nachhaltig erzeugten Lebensmitteln punkten will.

Pfluglos reicht nicht

Dabei hat das Agrarteam den ersten Schritt auf diesem neuen Weg schon gemacht, lange bevor die Fuchsschwanzproblematik akut wurde. Allerdings unter anderen Vorzeichen. Denn direkt nach dem Zusammenschluss im Jahr 2001 sattelte man komplett um auf pfluglosen Anbau. „Damals haben wir das nur gemacht, um Kosten zu sparen. Heute machen wir das längst aus Überzeugung“, sagt Bernd Boekhoff.

Dieser Schritt änderte an der Fuchsschwanzproblematik wenig. Als die Verunkrautung immer schlimmer wurde, waren sich die Landwirte einig, das Problem auf natürlichem Wege lösen zu wollen. Dafür passte das Team zunächst die Fruchtfolge an. Schließlich war die über Jahrzehnte in der Region übliche enge Fruchtfolge aus Raps, Weizen und Gerste der Auslöser für den hohen Unkrautdruck. Mehr unterschiedliche Kulturen und mehr Sommerungen sollten Abhilfe schaffen.

So wurde der Rapsanteil auf 15 Prozent halbiert, während der Flächenanteil des Winterweizens von 45 auf 25 Prozent schrumpfte. An die Stelle des Weizens traten Sommer-Triticale und -Gerste, Hafer, Mais und vor allem Ackerbohnen, die inzwischen auf 270 Hektar angebaut werden.

Böden beleben

Doch im Grunde war die Anpassung der Fruchtfolge nur Teil einer viel größeren Veränderung, bei der das Team den Produktionsfaktor der Landwirtschaft schlechthin ins Zentrum rückte: den Boden.

Angeregt durch einen befreundeten Betrieb, der sich mit den Methoden der Regenerativen Landwirtschaft befasst, nahmen die drei Betriebsleiter an einem Bodenkurs teil. „Dieser Kurs hat uns sehr beeindruckt und dabei geholfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was wir unseren Böden lange Zeit angetan haben“, erzählt Jens Hammerich. Damit meint er Verdichtungen, einseitige Fruchtfolgen, zu viel Chemie und Nährstoffungleichgewichte, vor allem Überhänge an freiem Stickstoff. Und er sieht hier eine Verbindung zur übermäßigen Ausbreitung des Ackerfuchsschwanzes: „So ein hoher, einseitiger Unkrautdruck ist letztlich ein Zeichen für eine Schieflage im Boden. Deshalb muss man den Boden viel häufiger in die Hand nehmen und sich anschauen, was er uns zeigt.“

Seit dieser Erkenntnis sind alle Maßnahmen auf den gemeinsamen Betriebsflächen darauf ausgerichtet, das Bodenleben zu fördern, Humus anzureichern und die Struktur zu verbessern. Dafür wurden neben der Fruchtfolge auch die Bodenbearbeitung und die Düngung angepasst.

Feste Fahrgassen

Ein wichtiges Ziel ist zum Beispiel, so wenig Eingriffe wie möglich im Boden vorzunehmen. Deshalb gibt es auf allen Äckern des Agrarteams feste Fahrgassen, die über alle Kulturen hinweg genutzt werden. Die Bodenbearbeitung wird überwiegend mit Leichtgrubbern und Federzinkeneggen durchgeführt, die maximal 15 Zentimeter tief arbeiten. Ansonsten verlässt sich das Team in Sachen Lockerung voll auf die Arbeit der Bodenlebewesen, insbesondere auf Regenwürmer, die sich seit dem Pflugverzicht spürbar vermehrt haben.

Wie gut es den so bewirtschafteten Böden geht, sehen die Landwirte in vielen Bereichen. „Eine verfestigte Pflugsohle gibt es bei uns schon lange nicht mehr“, sagt Jens Hammerich. „Und obwohl wir nicht mehr pflügen, haben wir mit bis zu 35 Zentimetern im Schnitt eine dickere Krume als früher.“ Auch die Rotte von Stroh und anderen organischen Ernteresten verläuft schneller, was die Einarbeitung des Materials wesentlich erleichtert.

Hohe Infiltrationsleistung

Am meisten beeindruckt Hammerich die hohe Infiltrationsleistung der Böden. Bei Versuchen mit Fallrohren, mit denen ein Starkregenereignis nachgestellt wird, haben die Flächen 100 Liter pro Quadratmeter in nur einer bis acht Minuten aufgenommen. „Und das, obwohl es in den Tagen davor schon 85 Millimeter Niederschlag gab“, sagt Hammerich.

Besonderes Augenmerk legen die Ackerbauprofis auf die Förderung und Vermehrung der Bodenorganismen. Das beginnt bereits im Schweinestall, wo seit drei Jahren keine Desinfektionsmittel oder Antibiotika mehr eingesetzt werden, die über die Gülle das Bodenleben beeinträchtigen könnten.

Schwierige Untersaaten

Zwischenfrüchte sind als „Futter“ für das Bodenleben auf allen Flächen Standard. Gesät wird eine bewährte Mischung aus Gräsern, Klee, Öllein, Sorghum und weiteren Gemengepartnern. Auch Untersaaten haben die experimentierfreudigen Landwirte bei einigen Kulturen etabliert, sogar bei Raps und Ackerbohnen. „Das klappt nicht immer, wie etwa beim Winterweizen im letzten Jahr. Niederschlag und Temperatur haben großen Einfluss auf den Erfolg. Aber wir lernen immer mehr dazu und probieren es dann wieder mit anderen Ansätzen“, sagt Bernd Boekhoff.

Futter: N-reduziert

Auch die Düngung hat sich grundlegend gewandelt. Hier geht es dem Team vor allem darum, Überhänge an Stickstoff zu vermeiden und Defizite an Mikronährstoffen wie Selen, Bor und Molybdän auszugleichen. Deshalb wurde in der Mast eine N- und P-reduzierte Vier-Phasenfütterung eingeführt, während Mikronährstoffe inzwischen fester Bestandteil in der Düngung sind.

Das wichtigste Düngemittel der Betriebsgemeinschaft ist die Gülle aus der Schweinehaltung, die erst nach einer speziellen Aufbereitung ausgebracht wird. Der Einsatz synthetischer Stickstoffdünger wurde um ein Drittel reduziert. Statt 200 kg N/ha, wie früher üblich, erhält zum Beispiel Raps nur noch 130 und Weizen nur noch 150 kg N/ha. Die Erträge sind mit durchschnittlich mehr als vier t/ha Raps und neun t/ha Weizen trotzdem stabil. „Mit der neuen Düngeverordnung hatten wir deshalb nie ein Problem“, sagt Bernd Boekhoff.

Leguminosen als Futterbaustein

Auch der großflächige Anbau der Ackerbohne erlaubt es, synthetischen Stickstoffdünger einzusparen. Denn für die Aussaat der Leguminose wird kein N-Dünger benötigt, während die Kultur nach der Ernte etwa 30 bis 40 kg N/ha zusätzlich hinterlässt. Die Bohnen werden samt Untersaat aus Leindotter, Hafer, Gras und Klee in der Schweinemast als Proteinkomponente eingesetzt. Nur die Aufzuchtferkel erhalten noch zugekauftes Sojaschrot.

Dass eine gezielte Verbesserung der Böden und eine erweiterte Fruchtfolge wirksame Instrumente gegen Ackerfuchsschwanz sind, wird dem Team immer dann bewusst, wenn es neue Flächen dazu pachtet. „Unsere Flächen sind auch noch nicht frei von Fuchsschwanz. Aber im Vergleich zu den neu gepachteten Äckern sieht man doch sehr deutliche Unterschiede“, meint Boekhoff. Dabei setzt das Team ein Drittel weniger Herbizide ein als früher.

Wie sehr die drei Landwirte das Konzept zur Förderung des Bodenlebens bereits verinnerlicht haben, zeigt ihr Umgang mit den neu gepachteten Flächen. Boekhoff nennt sie Problemflächen und spricht von Radikalmaßnahmen, die nötig sind, um die Böden wiederzubeleben und den Fuchsschwanz zurückzudrängen. „Nach Übernahme der Schläge haben wir hier zuerst Ackerbohnen mit Untersaat angebaut, gefolgt von Mais und Hafer. Damit haben wir es geschafft, auch diese Flächen sauberer zu bekommen“, sagt Boekhoff.

Noch deutlicher ist nach seiner Erfahrung der Unterschied bei der Bodenbearbeitung. Bernd Boekhoff:

„Wenn wir mit dem Grubber von unseren Flächen auf die angrenzenden Pachtflächen fahren, geht der Schlepper bei gleicher Drehzahl in die Knie. So verdichtet ist die Krume.“ Doch auch diese Verdichtungen hätten sich nach wenigen Jahren weitgehend erledigt.

Erste Bilanz

Fruchtbarere Böden, ein Drittel weniger Pflanzenschutzmittel und zugekaufte N-Dünger – die Bilanz nach den ersten sechs Jahren mit dem neuen Ackerbaukonzept kann sich aus Sicht des Agrarteams sehen lassen. Einziger Wermutstropfen ist, dass sich diese Vorteile betriebswirtschaftlich noch nicht so deutlich niederschlagen wie erhofft. Die Gründe dafür sieht Bernd Boekhoff vor allem bei den im Vergleich zum Winterweizen deutlich ertragsschwächeren Sommerungen, den zusätzlichen Kosten für die Untersaaten, Zwischenfrüchte und Mikronährstoffe sowie im Mehraufwand für die Gülleaufbereitung und Kompostierung. Er wünscht sich deshalb im Handel eine Art Zwischenstufe für das regenerative Anbaukonzept, die zwischen konventionell und bio angesiedelt ist und den höheren Aufwand für regenerativ erzeugte Lebensmittel honoriert.

Unabhängig davon ist das Interesse an den nachhaltigen Konzepten der Betriebsgemeinschaft groß. So ist das Agrarteam bei der Kampagne Pathway to Paris des Umweltbundesministeriums als Musterbetrieb eingebunden, weil die humusfördernde Bewirtschaftung CO2 speichert und damit zum Klimaschutz beiträgt. Und auch im Kleinen sieht das Team eine wachsende Akzeptanz. Jens Hammerich: „Wir haben es geschafft, die Leitung der Berufsschule Bad Segeberg zu überzeugen, Regenerative Landwirtschaft als Fach in den Lehrplan aufzunehmen. Das ist einfach toll.“

 

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