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13. Januar 202313.01.23

Dunkles Gold

Maschinenringe Deutschland GmbH

In der ersten Woche nach unserer Laboreröffnung haben sich hier an die 1.000 Proben gestapelt“, erinnert sich Lukas Neumann. Der 45-Jährige im weißen Laborkittel macht eine ausladende Handbewegung und lacht dabei. So richtig kann er, der studierte Mikrobiologe, heute noch nicht glauben, wie sie das in dem kleinen Labor des Maschinenring Mitte-Niedersachsen alles unterbringen konnten. „Das war damals natürlich viel“, sagt er, aber mit so einem Andrang hatten sie nicht gerechnet. Das war im November 2020. Da hatte der regionale Maschinenring sein eigenes Labor für Boden-, Dünge- und Futtermittelproben eröffnet. Bis heute ist es bundesweit das einzige Maschinenring- Labor. Mittlerweile sind hier vier Mitarbeiterinnen angestellt, in den Hochphasen werden sie von bis zu sechs Aushilfen unterstützt. In den vier Räumen werden dann Bodenproben auf ihren Humusgehalt, über den pH-Wert auf ihren Kalkbedarf, auf Phosphor, Kalium und Magnesium untersucht. Bereits jetzt haben sich über 1.000 Landwirte für die Nmin-Proben für dieses Frühjahr angemeldet. Zwar sind gut ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche Niedersachsens als rote Gebiete ausgewiesen – das allein erklärt aber nicht, wieso die Landwirte ihre Pflichtproben zukünftig vom Maschinenring auswerten lassen wollen. Obwohl Lukas Neumann selbst kein Landwirt ist, erklärt er sich diese große Zahl mit dem Vertrauen, welches der Maschinenring bei seinen Mitgliedern genießt. „Wir sind nicht die billigsten, aber darauf kommt es den Betriebsleitern nicht an. Sie schätzen den lokalen Kreislauf, der den höchsten Standards entspricht.“ AUFWENDIGES GENEHMIGUNGSVERFAHREN Fast ein bisschen stolz zeigt Lukas Neumann auf eine unscheinbare Urkunde am Eingangsbereich des Labors. Das gerahmte Zertifikat ist die Basis dieses Labors. Nur wer den Prozess dahinter erfolgreich durchlaufen hat, darf Proben auswerten und anerkannte Ergebnisse ausstellen. Die Zertifizierung ist ein sehr aufwendiger Prozess, doch die Mühe und die hohe sechsstellige Investition scheinen sich gelohnt zu haben. Die Landwirte kommen nicht nur für ihre Pflichtproben hierher, sie wollen auch über die angebotenen Zusatzanalysen mehr über ihre wichtigste Ressource erfahren. NEUES GESCHÄFTSFELD IM OSTEN Bodenproben zieht der Maschinenring Mitte-Niedersachsen nicht für seine Mitglieder, beim sächsischen Maschinenring Rochlitz ist das seit Mitte 2021 anders. Dort hat Geschäftsführerin Ivonne Dietrich nach einer Marktlücke gesucht und ist bei einem Bodenprobenfahrzeug fündig geworden. Auch sie spürte, dass das Interesse der Landwirte an ihren Böden immer größer wurde. Das liegt am Strukturwandel, in dem sich auch die ostdeutsche Landwirtschaft befindet. Auch hier schließen kleine Betriebe, während andere stetig wachsen. „Dann will der neue Eigentümer oder Pächter natürlich wissen, wie es auf den Flächen überhaupt aussieht“, erklärt Dietrich. Auch der Klimawandel spielt eine Rolle. Von den Dürrejahren 2018 und 2019 waren auch Sachsens Landwirte schwer betroffen. Das führt dazu, dass die Betriebe, egal ob 40 oder 400 Hektar, noch mehr nach Einsparpotenzialen suchen. Wenn dann noch die Preise für Betriebsmittel wie zuletzt beim Mineraldünger explodieren, steigt der Druck auf die Bauern spürbar. Zu all diesen Faktoren kommt jedoch noch ein weiterer. Er lässt sich nur schwer in Zahlen messen, oft ist er auch mehr Bauchgefühl als beweisbarer Fakt. Dennoch stimmen hier die Aussagen von Ivonne Dietrich mit denen von Lukas Neumann überein. Beide stellen fest, dass Interesse und Bewusstsein für den eigenen Boden und dessen Gesundheit zu wachsen scheint. Lukas Neumann merkt das daran, dass viele – besonders auch junge Landwirte – weit mehr als die Standardanalysen für ihre Schläge wollen. Der Maschinenring Rochlitz übernimmt nicht nur das Ziehen der Bodenproben, „wir werten die in einem externen Labor festgestellten Daten auch für unsere Mitglieder aus.“ Eine neu angestellte Mitarbeiterin wird beispielsweise Applikationskarten und Düngebedarfsermittlungen erstellen. Auch hier buchen Betriebsleiter oft mehr als die Pflichtproben, getrieben von der Frage: „Wie sieht mein Boden wirklich aus?“ BLICK UNTER DIE PFLUGSOHLE Eine heikle Frage, bedeutet sie doch, dass viele Landwirte nicht genau wissen, wie die wichtigste Ressource ihrer Betriebe genau aussieht. Sie greift das alte landwirtschaftliche Narrativ von „So war es schon immer und so wird’s auch weiter gemacht!“ an. Der Boden ist natürlich keine große Unbekannte. Dennoch kann es sein, dass manch ein Landwirt seinen Traktor besser als seine Böden kennt. Spätestens beim Blick unter die Pflugsohle wird dieser Vergleich dann für die meisten zutreffen. Dieser Umstand ist teilweise hausgemacht. Bereits in der landwirtschaftlichen Ausbildung wird das Thema Bodengesundheit nur oberflächlich behandelt. Dabei sind Landwirte über das Bundesbodenschutzgesetz dazu verpflichtet, „nachhaltig die Funktionen des Bodens zu sichern oder wiederherzustellen.“ Die Landwirte arbeiten daran. Aus diesem Grund analysierte das Laborteam vom Maschinenring Mitte- Niedersachsen im Jahr 2021 fast 4.000 Bodenproben. Ivonne Dietrich vom Maschinenring Rochlitz berichtet, dass das neu angeschaffte Bodenprobenfahrzeug gut angenommen wird. Neu in dieser Aufzählung ist Christiane Meyer vom Maschinenring Dithmarschen. URKNALL AUF DEM FELD „Auf einer Veranstaltung voller landwirtschaftlicher Praktiker ging es um pH-Werte und den Kationen-Austausch im Boden“, beschreibt Meyer eine Szene, die Nachwirkungen haben sollte. „Und alle, wirklich alle, hatten große Fragezeichen in den Augen.“ Danach gaben die Landwirte zu, dass sie davon schon gehört hatten, dass sie es eigentlich wissen müssten – aber sie wussten es eben nicht. Ihr war klar, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt. Ihr war aber auch klar, dass es weder die eine Königslösung gibt, noch, dass sie alles thematisieren können. Damit war die Idee von Mein Boden geboren. Interessierte Landwirte bekommen acht Wissensboxen über ein Jahr verteilt zugeschickt. Darin enthalten sind Magazine zum jeweiligen Themenschwerpunkt wie Humusbildung, Erosion oder Bodenverdichtung. Aber auch praktische Geräte sind Teil der Boxen. KEIN WEITER SO Die Sonne ist mittlerweile heftigem Regen und eisigem Wind gewichen. Hier in Nindorf, Landkreis Dithmarschen, wird die 24-jährige Levke Beye im Sommer den landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern gemeinsam mit ihrem Partner übernehmen. Die junge Landwirtin gibt zu, dass ihr der ackerbauliche Teil weniger liegt. Sie möchte sich mehr um die Hühner, das Vermarktungsmodell dahinter und die Pferde des Betriebs kümmern. „Aber nur, weil ich es nicht so sehr mag, heißt das nicht, dass ich es vernachlässigen darf.“ Ihre Flächen liegen im feuchten Marsch- und im sandigen Geestland. Starke Meereswinde sind die Hauptursache für Erosionsschäden hier. „Papa hat früher keine Zwischenfrüchte angebaut, das haben wir vor vier Jahren geändert.“ Levke Beye ist wissbegierig und optimistisch. Deshalb hat sie die Bodenbox getestet. „Vor allem habe ich gelernt, dass ich meine Böden als großes Ganzes betrachten muss“, erklärt sie. Denn was hilft es ihr, wenn sie auf ihren Böden zwar Humus aufbaut, dieser aber von den starken Nordseewinden wieder davongeweht wird? Danach gefragt, was mit den Landwirten passiert, die sich nicht weiterbilden und sich nicht mit dem Thema Bodengesundheit beschäftigten, wird die junge Frau deutlich: „Die wird es wohl über kurz oder lang nicht mehr geben.“ WEITERBILDUNGEN Genau das wollen die Maschinenringe, die regionalen ebenso wie die Landesverbände und der Bundesverband verhindern. Letzterer legt seit knapp einem Jahr mit seiner hauseigenen Akademie den Fokus auf die wertvollste Ressource der Welt. Oxana Stockschläder ist die stellvertretende Leiterin der Akademie. „Die Buchungszahlen sprechen eine klare Sprache: Unsere Mitglieder wollen mehr über ihre Böden wissen.“ Bedingt durch die Corona-Pandemie finden auch hier die meisten Seminare online statt. Dank erfahrener Referenten und funktionierender Technik kommen die theoretischen Seminare auch bei Praktikern sehr gut an. „Wenn ein Bodenprofi vier Stunden online über die Grundlagen der regenerativen Landwirtschaft und über Bodengesundheit spricht, dann haben wir zwei, oft drei Dutzend Zuhörer“, erklärt Oxana Stockschläder. ETWAS ÄNDERT SICH Zurück zu Levke Beye. Der Regen ist mittlerweile weitergezogen. Im Marschland sind einige große Pfützen noch größer geworden, auf den sandigen und steinigen Geestböden sind deutliche Rinnsale zu erkennen. Drei Spatenstiche später hält sie dunklen Boden in ihrer Hand, reibt ihn zwischen ihren Fingern, inspiziert ihn. Diese Methode ist simpel, jeder Landwirt kennt sie, aber wer geht wirklich raus, zu allen Zeiten des Jahres, auf all seine Schläge? Dabei lässt sich bereits bei solch einfachen Methoden viel herausfinden: Ist der Boden verfestigt, gibt es Regenwurmgänge, riecht der Boden modrig? NEUE ANALYSEMETHODEN Im Maschinenring-Labor von Lukas Neumann wird der Boden auf chemischer und biologischer Ebene analysiert. Die Methoden dafür sind von der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt, kurz LUFA, seit den 1970ern standardisiert und vorgegeben. Für die rechtlich saubere Dokumentation der Düngeverordnung sind lediglich und je nach Bundesland die CALMethode und die DL-Methode zugelassen. Der große Vorteil dieser Verfahren liegt in langjährigen, vergleichbaren und wissenschaftlichen Feldversuchen. Bei Landwirten wird die aus den USA stammende Kinsey- Analyse immer beliebter. Hier wird eine komplexe Bodenfruchtbarkeitsanalyse mit konkreter Düngeempfehlung durchgeführt (siehe Kasten). Bei Wissenschaftlern ist die Methode jedoch umstritten und wird fast durchgehend kritisch bewertet. Das Interesse an solchen und anderen Analyseverfahren zeigt jedoch, dass sich Deutschlands Landwirte immer intensiver mit ihren Böden auseinandersetzen. Enger Partner auf diesem Weg sind die Maschinenringe. Sie bieten verschiedene Dienstleistungen, stellen praktisches und theoretisches Wissen zur Verfügung. Das alles hat ein Ziel: wirtschaftliche Betriebe mit gesunden Böden. Levke Beye zerkrümelt den Boden in ihren Händen ein zweites Mal. „In der Schule habe ich über die Lehrerin gelacht, die am Boden gerochen hat“, sagt sie, während hinter ihr die Sonne zwischen dunklen Wolkenfetzen untergeht. Jetzt riecht auch sie an der dunklen, krümeligen Masse. Einige würden sagen, dass ihre Finger jetzt dreckig sind. Aber für Menschen wie Levke Beye, Ivonne Dietrich oder Lukas Neumann ist diese Erde die Grundlage ihrer Arbeit und die wichtigste Ressource, die sie bewirtschaften. Es ist der Boden, auf dem unsere Nahrung wächst. Und er ist in guten Händen.

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