Du hast die URL erfolgreich in deine Zwischenablage kopiert!
ZurückZurück
21. Dezember 202221.12.22
Energie-Plus-Stall
Maschinenringe Deutschland GmbH

Unser Besuch auf dem „Huabahof“ genannten Biobetrieb von Familie Demmel im oberbayerischen Schönrain beginnt sehr entspannt. Juniorchef Xaver Demmel, 23, empfängt die Gäste vom Maschinenring – Raphael Haug von LandEnergie, Christian Eiring vom örtlichen Maschinenring Wolfratshausen und die Reporterin vom Maschinenring-Magazin – direkt am neuen Stall. Der wurde 2020 in Betrieb genommen und macht seitdem als Leuchtturmprojekt für eine ressourcenschonende Landwirtschaft Schlagzeilen. Aber bevor es um Energieeffizienz, emissionsmindernde Spaltenböden und E-Traktoren geht, spielt erst einmal Martel die Hauptrolle. Martel ist der Deckstier der Herde, er schaut neugierig durch die Gitter im Außenbereich des Stalls. Xaver Demmel erzählt, dass es keine künstliche Befruchtung auf dem Hof gibt. Der Deckstier erspare einiges an Arbeit und sei gut für die 80 Milchkühe starke Herde. Das massige Tier stehe aber auch unter strenger Beobachtung: Nur, wenn er friedlich bleibt, kann er bleiben. Von der Philosophie auf dem Huabahof scheint da schon einiges durch: Machen, was man für richtig hält, auch wenn es unüblich ist. Ein gewisses Risiko eingehen. Ausprobieren. Und, wo es geht, der Natur ihren Lauf lassen. Und noch eines zeigt sich schon in diesem Einstiegsgespräch: Nachwuchssorgen braucht sich dieser Betrieb nicht zu machen. Xaver Demmel ist stolz auf den Hof. Er war 13 Jahre alt, als die Planung für den neuen Stall anfing, und wurde von Anfang an aktiv mit einbezogen. Inzwischen ist er ausgebildeter Landwirt und kann auf einem der modernsten Betriebe arbeiten, die heute möglich sind. Sorgenfrei ist seine Zukunft trotzdem nicht – aber das wird sich erst im Verlauf des Besuchs zeigen. DOPPELBELASTUNG STRESST Ein erster Eindruck, dass auch das Leben auf einem top-modernen Biobetrieb im idyllischen Oberbayern kein Ponyhof ist, kommt mit der Ankunft von Franz Xaver Demmel, dem Seniorchef, in die Runde. Der 51-Jährige hat das Handy am Ohr, es wird während unseres Gesprächs noch oftmals klingeln. Seine Doppelbelastung als Inhaber eines Ingenieurbüros einerseits und als ambitionierter, von den Medien und auch der Politik vielfach nachgefragter Landwirt andererseits ist vom ersten Moment an spürbar: Demmel will sein Tierwohl- und Energie- Plus-Konzept nach außen tragen und führt deshalb viele Journalisten und Politiker durch den Betrieb – aber am Ende kommt nicht immer das gewünschte Ergebnis dabei heraus. Franz Xaver Demmel spart an diesem sonnigen Herbsttag nicht mit Medienund Gesellschaftskritik. Da hat sich viel Frust angestaut. Denn eine Landwirtschaft, wie er sie in seinem neuen Stall und auch auf seinen 90 Hektar Wiesen und 16 Hektar Wald umsetzt, kostet richtig Geld. Und das will bisher niemand bezahlen. „Das Ingenieurbüro finanziert den landwirtschaftlichen Betrieb. Nur so war der Stallbau in dieser Form möglich“, da macht sich Franz Xaver Demmel nichts vor. Dass der deutsche Verbraucher aktuell nur rund zehn Prozent seines Einkommens für Lebensmittel ausgibt und auch die Preise für erneuerbare Energie immer weiter gedrückt werden, das ärgert ihn. GUT FÜR TIER UND MENSCH Beim Stallbau hat die Familie an nichts gespart. Die 96 Hochboxen sind mit langlebigen, weichen Matratzen ausgelegt. Der Spaltenboden ist nach oben hin mit einer hufschonenden Auflage und nach unten in Richtung Güllegang mit einem Klappen-System zur Abdichtung ausgestattet, das rund 60 Prozent der Methanemissionen zurückhält. Das Melken übernehmen rund um die Uhr zwei Melkroboter, die Fressgänge reinigt ein Spaltenroboter. Alle vier Stunden legt ein automatischer Futterschieber die Rationen aus Heu, Grassilage, Grascops, Mineralfutter und Getreidebruch nach – alles in Bioqualität und vom elektrisch betriebenen Futtermischwagen emissionsfrei in den Stall gebracht. Das Mikroklima wird durch eine zehn Zentimeter dicke Stalldecke aus Konstruktionsvollholz sowie durch Fenster und Ventilatoren, die sich computergesteuert je nach Witterung öffnen bzw. anschalten, optioptimiert. Die Lichtsteuerung mit LEDs ist dem Tagesverlauf angepasst. Die Kühe werden mit Pedometern und Videokameras überwacht, sodass Probleme frühzeitig erkannt werden. Im Sommer können sie frei zwischen Weide und Stall wählen. Und dann gibt es ja auch noch den Martel. 85% EIGENVERBRAUCHSQUOTE Noch ambitionierter wird es, wenn man sich das Energiekonzept des Huabahofs anschaut. Auf dem Dach von Stall und Wirtschaftsgebäuden laufen Solaranlagen, die jährlich rund 300.000 Kilowattstunden Strom produzieren. Für die Energieversorgung des High-Tech-Stalls inklusive zwei E-Hofladern, einem E-Futtermischwagen und zwei Elektroautos verbraucht der Betrieb rund 55.000 Kilowattstunden pro Jahr. Rein rechnerisch ist die 100-Prozent-Selbstversorgung also kein Problem – praktisch natürlich schon, wenn es allein mit Sonnenenergie gehen muss. Damit trotzdem so wenig Strom wie möglich dazugekauft werden muss, wird Energie gespart und gespeichert, so gut es geht. Gesteuert werden alle Verbraucher im Stall von einem Energie-Management-System, das es auf dem freien Markt so noch gar nicht gibt. Cow Energy heißt das System, das Wissenschaftler der Technischen Universität München und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf entwickelt und bei Franz Xaver Demmel als einem der ersten Pilotbetriebe eingebaut haben (siehe Interview auf S. 53). Dahinter steckt neben einer hocheffizienten Steuerung der unterschiedlichen Verbraucher auf dem Hof auch ein Konzept, das über den Einzelbetrieb weit hinaus geht: Der Bauernhof der Zukunft als wichtigster Energieversorger im ländlichen Raum. Entscheidend dafür wäre neben geänderten Rahmenbedingungen vor allem ein Ausbau der Speicherkapazitäten für den selbst erzeugten Strom. Dann könnten die Haushalte der näheren Umgebung rund um die Uhr von den Bauernhöfen mit Energie versorgt werden. Auf dem Huabahof wird getestet, wie das mit dem Speichern des Solarstroms funktionieren kann. Da ist zum einen ein 137 kWh-Batteriespeicher in einem Nebengebäude. Damit kann die gesamte Stalltechnik rund 24 Stunden ohne Solarstromproduktion überbrücken werden. Dazu kommen kleinere Energiespeicher in Form der Batterien der elektrisch betriebenen Fahrzeuge (Futtermischwagen, Hoflader, Radlader). Auch der Aufbau des Eisspeichers am Milchtank trägt mit einer Speicherleistung von 60 Kilowattstunden zur möglichst hohen Eigenverbrauchsquote bei, ebenso wie die Melkanlagen-Reinigung im Kochendwasser-System. Der 240-Liter-Boiler heizt das Wasser bevorzugt in den sonnenreichen Mittagsstunden auf und dient so ebenfalls als Energiespeicher. Zeitweise war auch ein Fendt E-Schlepper im Testbetrieb auf dem Hof. Dessen Batterie mit einer Kapazität von 100 Kilowattstunden hat die Besonderheit, dass der Strom hier auch wieder entnommen werden kann – so wird der Schlepper zu einem echten Energiespeicher. Mit der Leistung des 70-PS-Trekkers war Xaver Demmel zufrieden: „Für leichtere Arbeiten ist der E-Schlepper gut geeignet. Für den Hochlastbereich reicht es noch nicht.“ VORZEIGEHOF FÜR KAMPAGNE Ihre Biomilch liefern die Demmels an die Genossenschaftsmolkerei Berchtesgabevordener Land – mit aktuell rund 54 Cent bekommen sie hier mit die besten Preise, die deutschlandweit ausbezahlt werden. Für die Molkerei sind Betriebe wie der Huabahof ideal, um den Verbrauchern zu zeigen: Es tut sich etwas, die Landwirte haben Tierwohl und Klimaschutz ganz oben auf ihrer Agenda. Im November gab es zum Beispiel eine große Betriebsführung für 23 Journalisten, um die Kampagne „Zukunftsbauer“ in Zusammenarbeit mit dem Discounter Penny vorzustellen. Bis zu 10.000 Euro werden im Rahmen dieser Kampagne an Betriebe ausbezahlt, die ein außergewöhnlich gutes Energiemanagement vorweisen können. Die Demmels haben ihren Stall für eine Teilnahme zu früh gebaut, deshalb gehören sie nicht zu den Geförderten. Für eine Refinanzierung der hohen Mehrkosten gegenüber einem Stall, in dem Tierwohl und CO2-Neutralität nicht im Fokus stehen, würde freilich jeder Zuschuss gut tun. Allein der spezielle Bodenaufbau schlägt mit 60.000 Euro Mehrkosten gegenüber einem Standard-Spaltenboden zu Buche, und das ist nur ein kleiner Teil des Gesamtprojekts. Die gesamten Baukosten will Franz Xaver Demmel nicht öffentlich nennen. Das führt seiner Erfahrung nach zu mühsamen Diskussionen gerade mit Menschen, die fachlich wenig von der Landwirtschaft verstehen und bei hohen Investitionskosten automatisch von einem lukrativen Geschäft ausgingen. MEHR ALS EIN STALLBAU Franz Xaver Demmel ist in Vorleistung gegangen, weil er ausloten möchte, welches Potenzial die Landwirtschaft hat, um auch den nachfolgenden Generationen eine vielfältige Natur und fruchtbares Land zu hinterlassen. „Die Gesellschaft muss verstehen, dass wir mit dem ständigen Credo der Betriebswirtschaft, alles immer so billig wie möglich zu produzieren, auf eine Agrarwüste zusteuern“, sagt er, „wir müssen anfangen, die großen Zusammenhänge in den Blick zu nehmen. Dann bekommt die Landwirtschaft eine ganz andere Rolle als heute.“

Teile jetzt diesen Artikel

ZurückZurück
Fragen?