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Magazin Ausgabe 01/2023
01/2023
22. Juni 202322.06.23
Grüner Fachkräftemangel
Bundesverband der Maschinenringe e.V

Die Reportage zum Artikel findest du hier.

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft wirkt sich auch auf die Zahl der Betriebs- und Haushaltshilfen aus. Denn die werden immer weniger.

Manfred Hörstmann ist einer, der sich selbst nie in den Mittelpunkt stellen würde. Für diese Geschichte muss er aber genau dorthin. Der Landwirt aus dem Münsterland ist seit 47 Jahren Betriebshelfer beim Maschinenring. Was das bedeutet, macht eine andere Zahl deutlich: In dieser Zeit hat er laut eigener Rechnung mindestens 450 Einsätze gehabt. Sein Maschinenring konnte auf ihn zählen, die Landwirte in seiner Region konnten auf ihn zählen. Wäre das nicht der Fall gewesen, würde es vermutlich Dutzende dieser Betriebe heute nicht mehr geben.

Unverzichtbare Helfer

Aus diesem Grund packt auch Max Ahlert, 23 Jahre, auf einem Hof mit an, der nicht sein eigener ist. Auch er muss in den Mittelpunkt für diese Geschichte und fühlt sich dort als selbstbewusster Typ durchaus wohl. Sein aktueller Einsatzbetrieb ist ein großer Schweinemäster der Region. Das Münsterland gilt als Veredelungsregion, tierhaltende Betriebe spielen eine zentrale Rolle. Überall zweigen kleine Straßen und Wege ab, die zu Bauernhöfen aus roten Backsteinen führen, die wiederum nicht selten eine Koppel besitzen. Nur wenige Kilometer entfernt liegt Warendorf, die Stadt der Pferde.

Die hat der Betrieb von Max nicht. Dafür muss er sich täglich um eine große Biogasanlage kümmern. „Ich habe das schon in der Landwirtschaftsschule gelernt, aber hier mache ich das zum ersten Mal allein“, sagt er, als er die Werte vom Vortag durchgeht. Viel Verantwortung, die er jedoch gerne übernimmt. Er ist einer, der gerne das Zepter in der Hand hält. Er hat das Fachwissen und das Selbstbewusstsein, um Entscheidungen zu treffen.

Rückgrat der Landwirtschaft

Auch das Gebäude des Maschinenrings Warendorf-Münster wurde aus roten Backsteinen drei Etagen nach oben gestapelt. Hier klingeln die Telefone, wenn eines der 1.733 Mitglieder Hilfe braucht. „Egal ob geplante Operation, Unfall, Krankheit oder Todesfall, unsere Betriebshelfer sind da“, erklärt Geschäftsführer Georg Hülsmann. Aber damit will er sich gar nicht lange aufhalten, schließlich wissen das die Landwirte im ganzen Land. Was viele nicht wissen, spricht Georg Hülsmann direkt danach an, denn „auch unsere Helfer brauchen Hilfe“. Ab da an wird er, ansonsten eher ein ruhiger und überlegter Typ, emotional. Seine Kollegen und er wissen wie es ist, wenn sie einem Landwirt am Telefon sagen müssen, dass er zumindest die nächsten Tage allein klarkommen muss, weil sie keinen freien Betriebshelfer haben.

Christian Northoff plant die Einsätze der Betriebshelfer und sagt, dass er dann am liebsten selbst sofort losfahren und so lange helfen würde, bis jemand Zeit hat. Natürlich kann er das nicht und zum Glück kommt das bisher nur selten vor. „Unsere Helfer werden weniger, viele machen ihr Praxisjahr und gehen dann wieder.“ Anschließend rechnet er vor, dass er spätestens im Herbst fünf neue Betriebshelfer braucht, damit er alle Einsätze abdecken kann. Auf die Frage, ob diese fünf kommen werden, wird es einige Sekunden still. Weder Christian Northoff noch Georg Hülsmann können das mit Sicherheit sagen.

Grüner Fachkräftemangel

So wie dem Maschinenring Warendorf geht es vielen der 236 Maschinenringe in Deutschland, rund jeder Zweite würde sofort eine Betriebs- oder Haushaltshilfe einstellen. Auf die Frage, warum diese Fachkräfte an so vielen Orten fehlen, gibt es verschiedene Antworten. Eine ist: Die Zahl der ausgebildeten Landwirte ist stark rückläufig. Absolvierten 2007 noch fast 43.000 Menschen eine Ausbildung zum Landwirt, waren es 2019 nur noch etwas mehr als 32.000. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl derjenigen, die sich für einen agrarwissenschaftlichen Studiengang eingeschrieben haben, von rund 10.000 auf über 17.000 gestiegen. Die Folgen spüren Landwirte und Maschinenringe: Die Landwirtschaft leidet in einigen Sparten unter einem Fachkräftemangel.

Eine andere Antwort liegt in falschen Vorstellungen und auch Vorurteilen. Schlechte Erfahrungen verbreiten sich oft leichter. In den Köpfen von jungen Landwirten schwirren nicht selten negative Erzählungen von denen, die bereits Betriebshelfer sind. Richtig ist, dass es natürlich undankbare Landwirte, schlechte Betriebe und emotional fordernde Einsätze gibt. Richtig ist aber eben auch, dass diese Einsätze die Ausnahme sind. Das bestätigen Manfred Hörstmann ebenso wie Max Ahlert. Auch Christian Northoff legt Wert auf diese Einordnung. „Wir sind im ständigen Kontakt mit Betriebshelfer und Betrieb. Wenn was nicht passt, greifen wir ein, wo immer es geht“, versichert der Einsatzleiter des Maschinenrings glaubhaft.

Flexibel und krisensicher

Umso wichtiger ist es, auf die guten Seiten hinzuweisen. Manfred Hörstmann hat in fast fünf Jahrzehnten als Betriebshelfer nicht nur hunderte Betriebe auf Zeit weitergeführt, er hat sich zu Hause einen eigenen Schweinemastbetrieb mit knapp 70 Hektar Ackerland aufgebaut. Für den heute 64-Jährigen waren die Stunden auf seinem eigenen Traktor, auf seinem eigenen Feld Entspannung. „Für mich ist das keine Arbeit“, sagt er, „ich habe da den Kopf freibekommen.“ Wenn er auf seinem eigenen Betrieb Arbeitsspitzen hatte, konnte er seine Zeit als Betriebshelfer etwas herunterschrauben und Überstunden abbauen. Wenn er in diesem Jahr in Rente geht, wird einer seiner Söhne seinen Betrieb übernehmen und im Haupterwerb führen.

Max Ahlert, der seit etwas über einem Jahr Betriebshelfer ist, wird in einigen Jahren den Betrieb seines Vaters übernehmen. „Bis dahin bleibe ich noch Betriebshelfer“, versichert er. Er sammelt Erfahrungen, sieht viel auf fremden Betrieben und kann dort Wissen für seine eigene Zukunft mitnehmen. Ob er danach noch Zeit findet, als Betriebshelfer zu arbeiten, weiß er nicht. Ausschließen will er es jedoch auch nicht. Darauf angesprochen, findet Christian Northoff deutliche Worte: „Selbst wenn Manfred und Max noch zehn Jahre bei uns wären, wir brauchen auch jetzt schon neue Helferinnen und Helfer.“ In diesem Augenblick spricht er für viele Maschinenringe im ganzen Land.

Und so endet dieser Text, wie er begann: Nicht mit einem Hilferuf, aber mit einem Alarmsignal. Dünnt sich die Zahl der Betriebs- und Haushaltshilfen weiter aus, gerät das größte soziale Projekt der Landwirtschaft ins Wanken. Die Folgen dieser Entwicklung liegen auf der Hand, ebenso wie die Lösung des Problems. Die Maschinenringe können jede Fachkraft brauchen, egal ob baldige Hofnachfolgerin oder altgedienter Landwirt, der seinen Betrieb übergibt oder sogar aufgeben muss. Nur so lässt sich sicherstellen, dass Männer wie Georg Hülsmann und Christian Northoff nicht mehr ins Schweigen kommen, wenn sie gefragt werden, ob sie in naher Zukunft noch genügend Betriebshelfer haben werden. Nur so wird es gelingen, dass mit jedem, der geht, ein neuer kommt. Nur so schließt sich der schützende Kreis um die kleinbäuerliche Landwirtschaft.

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