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Magazin Ausgabe 03/2023
03/2023
15. Juni 202115.06.21
Pflanzenschutz mit Sensortechnik: Die Spritze, die Pflanzen sehen kann
Bundesverband der Maschinenringe e.V

Precision Farming ist in aller Munde – es gibt kaum ein neues Produkt auf dem Markt, das sich nicht in diese Kategorie einordnen lässt. Dazu gehört auch die neue SmartSpraying-Lösung, die gemeinsam von BASF und Bosch entwickelt wurde. Die Pflanzenschutzmittel sollen nur dort hin, wo sie wirken können, so das erklärte Ziel. Eine Herbizideinsparung von bis zu 70 Prozent durch nur punktuelles statt bisher flächiges Behandeln soll möglich sein, so die Hersteller. Kürzlich wurde das System in Sachsen-Anhalt vorgestellt.

Worum geht es? Bosch und BASF, die schon seit fünf Jahren mit führenden Herstellern von Feldspritzen zusammenarbeiten, haben mit der Smart-Spraying-Lösung unter dem gemeinsamen Dach der Bosch BASF Smart Farming GmbH ein System entwickelt, das das automatisierte Erkennen und Kontrollieren von Unkräutern in Echtzeit, sowohl im Vor- als auch im Nachauflauf, ermöglichen soll. Diese Erkennung soll sowohl bei Tag als auch bei Nacht funktionieren. Dafür haben die Unternehmen die Hightech-Kamerasensorik sowie die Software von Bosch kombiniert mit der agronomischen Entscheidungshilfe (Agronomic Decision Engine, ADE) von xarvio (BASF). Damit soll das System unerwünschte Unkräuter sowie Nutzpflanzen präzise erkennen. Abgewickelt in diesem nur Millisekunden dauernden Prozess ist die Entscheidung, ob die Applikation von Herbiziden notwendig ist oder nicht. Die Kernidee: Statt das Pflanzenschutzmittel flächig aufzubringen, soll es gezielt und nur punktuell auf das zu bekämpfende Unkraut oder -gras aufgebracht werden und schont dadurch Geldbeutel, Umwelt und Kulturpflanze.

Durch die Verwendung von zwei getrennten Düsensystemen und -kreisläufen können sogar verschiedene Mittel in einer Überfahrt ausgebracht werden. Bis zu 70 Prozent Mitteleinsparung sind nach Herstellerangaben in Abhängigkeit von den Bedingungen und dem Unkrautdruck auf dem Feld möglich. Es bieten sich dabei zunächst vor allem Reihenkulturen an wie Mais, Zuckerrüben oder Soja.

Markteinführung 2022

Erste so ausgestattete Pflanzenschutzspritzen sind bereits im Versuchseinsatz, im kommenden Jahr sollen die ersten Stückzahlen auf den Markt kommen – und dürften wohl auf das Interesse der Landwirte stoßen. Und das aus vielerlei Gründen. Da wäre zum einen der finanzielle Aspekt: Die Preise für Pflanzenschutzmittel haben zuletzt ebenso wie bei Düngemittel kräftig angezogen. Jeder Liter eingespartes Mittel ist bares Geld wert. Dem gegenüber steht natürlich der höhere Preis für solche Systeme. Das in Quellendorf vorgestellte System kostet fast doppelt so viel wie eine normale vergleichbare Feldspritze.

Zum anderen spricht natürlich der Aspekt der Nachhaltigkeit für ein System, das so deutlich Pflanzenschutzmittel zu reduzieren hilft. Der Green Deal der EU besagt, dass bis 2030 die Hälfte des aktuell eingesetzten chemischen Pflanzenschutzes eingespart werden soll. Was gar nicht erst auf dem Acker ausgebracht wird, kann sich auch nicht als Abbauprodukt (Metabolite) im Boden oder im Wasser anreichern. Ein weiteres Argument für die Reduktion der chemischen Mittel: je weniger ausgebracht wird, desto geringer wird die Gefahr der Resistenzbildung, die auch durch einen zu regelmäßigen Gebrauch ohne ausreichenden Wirkstoffwechsel entstehen kann. Zu guter Letzt schont ein sparsamer Spritzmittel-Einsatz die jeweilige Ackerkultur, die häufig auch unter einem Herbizideinsatz leidet – der sogenannte Spritz-Schock.

Zwei Tanks

Wie das praktisch funktioniert, zeigten die Entwickler kürzlich auf einem Demo-Schlag in Quellendorf (Sachsen-Anhalt) bei der APH Hinstorf. Dort war eine mit dem Smart-Spraying-System ausgestattete 36-Meter-Amazone-Spritze im Pflanzenschutzeinsatz in Winterrüben zu sehen. Genauer gesagt, eine eingekürzte 42-m-Spritze mit dem Amazone-Swing-Stop-System (zur besseren Parallelführung und so besseren Erfassung/ Behandlung), da durch die zahlreichen Anbauten das Gestänge ein höheres Gewicht tragen muss. Ausgestattet war die Spritze mit einem 1.500- Liter-Tank für das blattaktive Mittel im Schlepper-Frontanbau, für den flächigen Einsatz mit dem Bodenherbizid kam der 5.200 Liter fassende Tank der Feldspritze zum Einsatz. Statt mit einer Mischung im Tankmix zu arbeiten, kommen beim Smart Sprayer zwei getrennte Systeme zum Einsatz: Während die permanent arbeitende Düsenreihe (50-cm-Abstand) flächig das Bodenherbizid aufbrachte, applizierte eine zweite Düsenreihe (25 cm Düsenabstand) nur dort, wo es notwendig war, ein blattwirksames Herbizid. Durch die Unterstützung von in einem Meter Abstand angebauten Infrarot- und Nahinfrarot-LWDs können die Hochleistungskameras mit ihren 15 Aufnahmen pro Sekunde auch bei Dunkelheit oder aber bei extremer Sonne Unkraut von Nutzkultur unterscheiden und die zu behandelnden Pflanzen einzeln ansteuern. Das soll auch bei üblichen Geschwindigkeiten von 12 km/h funktionieren.

Höhere Kosten

Fazit: Die Spritze in voller Fahrt zu sehen, ist beeindruckend. Die Behandlung erfolgt tatsächlich nur punktuell in Spots statt in der Fläche. Der Ansatz ist spannend, auch vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussionen um die generelle Notwendigkeit des Pflanzenschutzes. Bis sich das Smart-Spraying-System verbreitet, dürfte es angesichts der deutlich höheren Kosten allerdings noch ein Weilchen dauern. Statt nur über die Mitteleinsparung Kostenvorteile zu erzielen, könnten auch gezielte Förderungen für Systeme wie diese zur weiteren Verbreitung beitragen. Denn die vielfach geforderte Reduktion von Pflanzenschutzmittel zum Wohle von Wasser, Boden und Umwelt ist nicht nur eine Aufgabe für die Landwirte – sondern für die gesamte Gesellschaft.

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