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21. Dezember 202221.12.22

Zukunft auf drei Rädern

Maschinenringe Deutschland GmbH

Mit Unkraut kennt sich Reiner Bohnhorst aus. Seit 25 Jahren bewirtschaftet er seinen Betrieb in Natendorf bei Uelzen in der Lüneburger Heide ökologisch. „Der Unkrautdruck hat in dieser Zeit stetig zugenommen“, erzählt Bohnhorst. „Deshalb gilt bei uns: Entweder man hackt oder man geht unter.“ So ist er über die Jahre zum Experten fürs Hacken und moderne Hacktechnik geworden. Als er im Jahr 2019 die Agritechnica in Hannover besuchte, betrat er unerwartet Neuland in diesem Bereich. Denn hier stieß er zum ersten Mal auf einen Feldroboter namens Farmdroid. „Ich wusste vorher nichts über die Maschine. Aber ich fand das Konzept so spannend, dass ich mich spontan für den Kauf entschieden habe.“ Der Farmdroid ist vor allem für die Aussaat und die Unkrautkontrolle in Zuckerrüben ausgelegt. Und das war genau das, was er suchte. BIO-RÜBEN Bohnhorst baut auf seinen 385 Hektar Ackerland neben Kartoffeln als wichtigste Kultur vor allem Getreide, Körnerleguminosen und Frischgemüse an. Vor sechs Jahren erweiterte er seine Fruchtfolge um 20 Hektar Bio-Zuckerrüben. Doch lange Zeit wurde er nicht so recht glücklich mit dem Anbau. Zu groß war der Aufwand für die Unkrautkontrolle, der an der Wirtschaftlichkeit der Rübe nagte. Für das Hacken, mechanisch und per Hand, musste er im Schnitt 250 Arbeitsstunden pro Hektar aufwenden. „Das waren 100 Stunden zu viel, um auf zufriedenstellende Deckungsbeiträge zu kommen“, sagt Bohnhorst. Damit war der Anspruch an den neuen Feldroboter gesetzt. Wenn es mit der Maschine gelang, 100 Arbeitsstunden einzusparen, würde sich das Gerät nach vier bis fünf Jahren bezahlt machen. Dabei war der Kauf ein mutiger Schritt. Denn Reiner Bohnhorst war einer der ersten Landwirte, der sich für die neu entwickelte Maschine entschied.20 HEKTAR PRO ROBOTER „Besonders überzeugt bin ich bis heute von der simplen Technik“, sagt der Bio-Landwirt. Denn der Farmdroid arbeitet nicht mit aufwendigen Bilderkennungsverfahren, sondern nur auf Basis von GPS-Signalen. Die Maschine speichert während der Saat die genaue Position der abgelegten Saatgut-Pille. Anschließend entfernt sie alles, was rund um die Ablagestelle wächst mit horizontal schwingenden Messern – neben und vor allem in der Reihe. Die Maschine ist drei Meter breit und ausgelegt für eine Fläche von 20 Hektar. In den bisherigen beiden Einsatzjahren hat Bohnhorst viele Erfahrungen mit dem Gerät gesammelt, gute und schlechte. Grundsätzlich tut die Maschine seiner Einschätzung nach, was sie soll. Unkräuter im Keimblattstadium werden neben und in der Reihe ausreichend beseitigt. „Allerdings nur im Keimblattstadium“, betont Bohnhorst. „Wenn das Unkraut zu groß wird, bekommt der Droid nicht mehr alles weg.“ Eine große Herausforderung ist nach seiner Erfahrung die Einstellung, wie dicht die Messer um die Kulturpflanze herum arbeiten sollen. Wählt man den Abstand zu klein, kann die Rübenpflanze in Mitleidenschaft gezogen werden. Ist der Abstand zu groß, bleibt zu viel Unkraut direkt an der Kulturpflanze stehen. Eine Standardeinstellung ist nicht möglich. Denn welcher Abstand der richtige ist, hängt laut Bohnhorst von vielen Faktoren ab, etwa von der Hangneigung, der Bodenart und der Feuchtigkeit. EINFACHER START Vor dem ersten Einsatz müssen die Grenzen eines Schlages und mögliche Hindernisse wie Telefonmasten definiert werden. Bohnhorst macht das, indem er mit dem Farmdroid am Schlepper die Schlaggrenzen abfährt und Eckpunkte definiert, die der Rechner des Roboters mit geraden Linien verbindet. „Das ist einfach und anwenderfreundlich“, sagt Bohnhorst. Ist die Maschine eingestellt und der Schlag kartiert, arbeitet sie völlig autonom, auch beim Wenden am Vorgewende. Bohnhorst kontrolliert etwa alle zwei Stunden, ob das Gerät sauber arbeitet. Bei Problemen, wie zum Beispiel einer blockierten Saatscheibe, bleibt die Maschine automatisch stehen und meldet die Störung per Handy. „Manchmal baut sich aber etwas auf, was die Maschine nicht erkennt. Deshalb muss man schon regelmäßig schauen, ob alles rund läuft“, berichtet Bohnhorst. Die benötigte Energie für den Antrieb und das Bewegen der Messer stammt komplett aus dem etwa vier Quadratmeter großen Solarpanel, das laufend die Akkus auflädt. Damit kann die Maschine auch nachts arbeiten, bis zu 20 Stunden pro Tag. OHNE ZUSATZVERSICHERUNG Das tut sie mit einer fast aufreizend niedrigen Geschwindigkeit von maximal einem Kilometer pro Stunde. Je langsamer der Farmdroid fährt, desto genauer arbeitet er laut Bohnhorst. Gesät wird deshalb zum Beispiel mit nur 350 Metern pro Stunde. Das geringe Tempo ermöglicht die Zulassung für den Einsatz als autonome Maschine auf dem Acker. Eine zusätzliche Versicherung ist nicht erforderlich.Der Farmdroid hat Bohnhorst aber auch einige Nerven gekostet. Tiefpunkt war aus seiner Sicht die Aussaat einer ungleichmäßig pillierten Saatgutpartie. Dadurch verstopfte die Saatscheibe so oft, dass er nach endlosen Alarmmeldungen schließlich eine kalte Frühjahrsnacht lang ganz bei der Maschine blieb, um jede Verstopfung sofort beheben zu können. „Eine Horrornacht“, ärgert er sich noch heute. Probleme bereiten auch Senken mit Pfützen oder aufgeweichtem Boden. Hier fährt sich der Farmdroid schnell fest, trotz seines geringen Gewichts von nur 900 Kilogramm. Die Maschine kann zwar ausheben, aber nicht umdrehen oder eine Senke umfahren. So muss Bohnhorst das Gerät per Hand bis zum nächsten Vorgewende führen, wo es wieder in die nächste abgespeicherte Spur einsetzen kann. „Das dauert bei den geringen Geschwindigkeiten natürlich sehr lange“, sagt der Landwirt. „Solche schwierigen Stellen müsste man vorher eingeben können, damit sie ausgelassen werden. Das geht aber leider nicht.“ NICHT ALLES LÄUFT WIE GEWÜNSCHT Schwierigkeiten können auch Flächen mit leichter Neigung bereiten. Schon eine geringe Erosion durch Regen kann die Rüben im Keimblattstadium um einige Millimeter verschieben. Das kann bei diesem System, das auf der genauen Position jeder einzelnen Saatgutpille beruht, schwerwiegende Folgen haben. Denn wächst die Rübe zu weit entfernt von der gespeicherten Position, wird sie genauso entfernt wie das Unkraut. „Solche Dinge muss man einfach wissen, um die Maschine optimal einzusetzen“, sagt Bohnhorst. Und obwohl er sich von der Hackleistung mehr versprochen hat, erreichte er mit der Maschine das gesteckte Ziel. So konnte Bohnhorst in den Zuckerrüben bei vier Hack- Durchgängen etwa 110 Arbeitsstunden pro Hektar einsparen, trotz sehr feuchter und damit schwieriger Witterung im vergangenen Jahr. Entsprechend optimistisch sieht er die Zukunft der Feldroboter, auch wenn aus seiner Sicht noch längst nicht alles perfekt ist: „Als Bertha Benz damals zum ersten Mal mit ihrem motorgetriebenen Gefährt unterwegs war, haben viele Zeitgenossen bestimmt nicht erwartet, dass dieses Fahrzeug Zukunft hat. Dieser Maschinentyp sind die Kinderschuhe der Feldrobotik. Da wird in den nächsten Jahren noch wahnsinnig viel kommen und irgendwann wird es Standard sein. Da bin ich mir sicher.“

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